Das Beschwerdebild: Die unterschätzte Doppelbelastung
Der Patient, 42 Jahre, sportlich, im Job viel am Rechner – ein Profil, das ich inzwischen fast wöchentlich in der Praxis sehe. Über rund fünf Monate hinweg hatte sich bei ihm eine deutliche Beschwerdezunahme an der Unterarmaußenseite entwickelt, ausgelöst durch die Kombination aus:
- ständiger Mausarbeit am PC (viele Stunden täglich, meist in derselben Handgelenks- und Unterarmposition)
- Krafttraining, das die ohnehin schon belastete Muskulatur zusätzlich beanspruchte
Am Ende waren die Schmerzen so ausgeprägt, dass selbst simple Alltagsbewegungen wie das Halten einer Kaffeetasse nicht mehr möglich waren.
Genau diese Kombination – repetitive Mikrobelastung im Büroalltag plus zusätzliche mechanische Last im Training – kann einer der Gründe sein, warum ein Tennisellbogen (Epicondylopathia radialis humeri) bei sportlichen Menschen im mittleren Erwachsenenalter chronifiziert. Die Handgelenksstrecker- und Unterarmmuskulatur wird im Büroalltag durch die Mausarbeit dauerhaft in leichter Anspannung gehalten, bekommt aber nie eine echte Erholungsphase – und trifft dann im Training auf zusätzliche, oft unkontrollierte Belastungsspitzen.
Die Diagnose stand am Anfang
Bevor mit der Behandlung begonnen wurde, erfolgte eine gezielte orthopädische Testung mit den spezifischen Provokationstests für den Tennisellbogen – unter anderem Widerstandstests der Handgelenksextension und Palpation des Epicondylus radialis. Erst nach eindeutiger klinischer Bestätigung der Diagnose wurde das Behandlungskonzept aufgebaut.
Tennisellbogen behandeln: Mein therapeutisches Vorgehen
Ein chronifizierter Tennisellbogen braucht aus meiner Erfahrung immer zwei Ebenen gleichzeitig: Reizlinderung des überlasteten Sehnenansatzes und aktiven, strukturierten Wiederaufbau der Belastungsfähigkeit. Reine Schonung oder reine Passivbehandlung führt bei diesem Beschwerdebild erfahrungsgemäß selten zu einem dauerhaften Erfolg.
1. Radiale Stoßwellentherapie (8 Sitzungen)
Zur gezielten Behandlung des überlasteten Sehnenansatzes am Epicondylus radialis kam über acht Sitzungen radiale Stoßwellentherapie, der Firma EMS, zum Einsatz – mit dem Ziel, den lokalen Gewebestoffwechsel und die Regenerationsprozesse an der Sehnen-Knochen-Insertion anzuregen und die kleinen Schmerz- und Entzündungsmediatioren in der Extensorengruppe zu beseitigen.
2. TCM-Akupunktur (8 Sitzungen
Begleitend wurde über acht Sitzungen Akupunktur eingesetzt, zur Schmerzmodulation und Regulation der muskulären Grundspannung im betroffenen Unterarm.
3. Weichteiltechniken (WTT)
Über gezielte Weichteiltechniken wurden Verspannungen und Verklebungen in der Unterarmextensoren- und -flexorenmuskulatur behandelt, um die Gleitfähigkeit des Gewebes zu verbessern und den Zug auf den gereizten Sehnenansatz zu reduzieren.
4. Myofasziale Behandlungstechnike
Ergänzend erfolgte eine myofasziale Behandlung der gesamten Armkette, da eine isolierte Betrachtung des Ellbogens bei diesem Beschwerdebild zu kurz greift – Schulter, Handgelenk und die dazwischenliegenden Faszienketten stehen in engem funktionellem Zusammenhang mit dem Ellbogen.
5. Strukturiertes Eigenübungsprogramm
Das Herzstück der Behandlung war der aktive Wiederaufbau, den der Patient eigenständig zwischen den Terminen durchführte:
- Faszienrolle (Black Roll) zur myofaszialen Selbstbehandlung
- Gezieltes Dehnen der Unterarmextensoren und -flexoren
- Exzentrisches Krafttraining der Unterarmmuskulatur – sowohl in Extension/Flexion als auch in Pronation/Supination, da beide Bewegungsrichtungen an der Ellbogenbelastung beteiligt sind
- Training der funktionellen Armkette (Schulter–Ellbogen–Handgelenk als Einheit), um die Ursache und nicht nur das Symptom zu adressieren
Exzentrisches Training gilt bei tendinopathischen Beschwerdebildern wie dem Tennisellbogen als einer der wichtigsten Bausteine für den nachhaltigen Wiederaufbau der Sehnenbelastbarkeit – entscheidend ist dabei die konsequente, richtig dosierte Umsetzung über mehrere Wochen.
Der Verlauf: 10 Wochen bis zurück in den vollen Sport
Über einen Zeitraum von zehn Wochen wurde das Konzept aus passiver Reizlinderung (Stoßwelle, Akupunktur, Weichteiltechniken) und aktivem Belastungsaufbau konsequent weitergeführt.
Das Ergebnis: Der Patient ist heute zu 98 % schmerzfrei, wieder vollständig back to sports und hat im Alltag wie im Training keinerlei Einschränkungen mehr – inklusive der Bewegung, die anfangs unmöglich war: die Tasse ganz normal in die Hand nehmen.